Katholische Kirchengemeinde

St. Gereon

Die Weimbs-Orgel

tl_files/stgereon/bilder/kirchen/stgereon/docu0312kl.jpegErbauer: 
Josef Weimbs Orgelbau, 
Hellenthal

Technische Daten: 
36 Register, davon  
5 Transmissionen, 
3 Manuale und Pedal,  
mechanische Schleifladen, 
mechanische Spieltraktur, 
vorbereitet zum Anschluss eines zusätzlichen elektrischen Spieltisches, 
elektronische Registertraktur, 
elektronischen Setzer mit 2048 Kombinationen. 
Stimmung:  
gleichstufig temperiert,  
a´= 440 Hz bei + 18° C 
Anzahl der Pfeifen: 2371 
Gewicht der Orgel:  7,2 T

 

Nach langen Jahren des Planens erhält die Kölner Pfarrkirche St. Gereon  nun endlich eine Orgel, die der Bedeutung dieses einmaligen Bauwerks entspricht. St. Gereon kann auf eine lange Orgeltradition zurückblicken, die bis in das 13. Jahrhundert reicht. Ein bemerkenswertes Instrument war sicherlich die im 16. Jahrhundert durch Nicolaas Niehoff und Arnt Lampeler van Mill, hervorragende Meister der sog. Nordbrabanter Schule in s'Hertogenbosch, ausgeführte Orgel.  

 

 

Die Hohe Domkirche besaß ebenfalls ein Orgelwerk großen Stils aus diesen Werkstätten. Im Barock und späten 19. Jahrhundert nahm man diverse Umbauten an der Orgel von St. Gereon vor; das kostbare Renaissancegehäuse aber blieb bis zur endgültigen Zerstörung der Kirche im Zweiten Weltkrieg erhalten. Nach Wiederherstellung des Langchores errichtete die Bonner Orgelwerkstatt Klais dort eine kleine Schwalbennestorgel mit 16 Registern. Mit Fertigstellung des Dekagons, das der Gemeinde als zentraler Ort zur Feier der Liturgie dient, machte sich aber das Fehlen eines angemessenen Instrumentes immer stärker bemerkbar. Ein Orgelneubau war eigentlich nur dort denkbar, wo schon das Niehoffsche Instrument gestanden hatte - über dem Eingang des Dekagons. Nach vielen Überlegungen entschied man sich dann auch für diesen Aufstellungsort.

 

tl_files/stgereon/bilder/kirchen/stgereon/Regkl.jpegDie beim Wiederaufbau erfolgten statischen Veränderungen und die Öffnung eines vorher geschlossenen Fensters hinter der Orgel zwangen bei der Planung des Instrumentes zur äußersten Ökonomie hinsichtlich der Disposition. Diese Beschränkung ist aber keineswegs als nachteilig zu werten, da der Zentralbau über eine hervorragende Akustik verfügt. Man einigte sich auf eine Disposition, die an die klassische Tradition der rheinischen Orgelbauerfamilie König aus Bad Münstereifel anknüpft. Eine solche Entscheidung war auch insofern sinnvoll, als die Orgelneubauten der letzten Jahre in der Kölner Innenstadt fast alle dem Prinzip einer mehr oder weniger großen "Universalorgel" folgen, sich hier aber eine Gelegenheit bot, einen völlig anderen Akzent zu setzen. Der Bau eines reich besetzten Schwellwerks wäre beispielsweise infolge des zur Verfügung stehenden Platzes in St. Gereon nicht möglich gewesen. Schon bei der Pedalbesetzung musste man sich mit nur zwei selbständigen Stimmen begnügen, die restlichen Register werden aus dem Hauptwerk transmittiert. 

 

So entstand ein eher klassisches Klangkonzept. 31 Register verteilen sich jetzt auf Hauptwerk, Rückpositiv, schwellbares Echowerk und Pedal. Das Hauptwerk verfügt über einen lückenlosen Prinzipalchor, dessen Fundament der Principal 16' ist und der mit den Mixturen Fourniture und Cymbale seine Klangkrone erhält. Der Zungenchor ist mit Trompette 8' und Clairon 4' vertreten, Cornet V dient als Solostimme und Zungenverstärker, Flöten zu 8' und 4' bilden den lyrischen Weitchor. Die reichhaltige Farbpalette wird durch die schwebende Unda Maris und eine Viola da Gamba ergänzt. Im Rückpositiv, das auf Principal 8' basiert und dessen Plenum durch eine Fourniture den notwendigen Glanz erhält, finden sich neben weiten Flöten und einem Streicher (Salicional 8') auch Farbregister wie Sesquialter II und die klassische Zungenstimme Cromone 8'. Im schwellbaren Echo stehen u.a. die lyrischen   Zungenregister   Basson/ Hautbois 8' und Voix humaine 8'. Das Pedal verfügt über einen tragfähigen Subbaß 16', eine klanglich mächtige Bombarde 16' und die schon erwähnten Transmissionen aus dem Hauptwerk. Verschiedene Koppeln gestatten die Verbindung der einzelnen Werke untereinander, Tremulanten ermöglichen durch eine Beunruhigung des Orgelwindes nochmals spezielle Klangeffekte. 

 

tl_files/stgereon/bilder/kirchen/stgereon/docu0317klein.jpegVergleicht man die Disposition der Orgel von St. Gereon mit der des Balthasar König von 1727 in der Basilika zu Steinfeld, so ergeben sich durchaus Parallelen. Beabsichtigt war aber keine Stilkopie, sondern ein ganz eigenständiges Instrument, das Anregungen aus dem rheinischen Orgelbau des 18. Jahrhunderts aufnimmt, jedoch eine Orgel unserer Zeit darstellt. All diese Überlegungen bleiben aber Papier, wenn der Orgelbauer, der über eine vielseitige Begabung verfügen muss, sie nicht entsprechend umsetzt.

 

So gilt denn auch heute noch Jakob Adlungs Wort über die „Orgelmacherkunst" aus dem Jahre 1768: „Sie erfordert einen guten Grund in der Mathematik, weil sie stets mit Aus- und Abmessungen zu thun hat. Es gehören viel Handwerke dazu. Es muss einer ein guter Tischler, Klempener, Schmidt usw. seyn. Nicht weniger muss auch ein guter Orgelmacher die Metalle und Holzarten aus der Physik verstehen; er muss drechseln können: sonderlich aber wird erfordert, dass er die Architektur gründlich inne habe. Es haben auch die Orgelmacher desfalls besondere Privilegia, und heißet diese Sache kein Handwerk, sondern eine Kunst."

Prof. Hans-Dieter Möller 
22. September 2001

 

 

Auf dem Weg zu einer neuen Orgel

Der Bericht einer Abenteuerreise

"Besonders schmerzlich war die Zertrümmerung der Orgel, die von zahlreichen Stahl- und Steinsplittern getroffen wurde. Der Sorgfalt, mit der wir alle kleinen Teile des Orgelgehäuses gesammelt haben, ist es zu verdanken, dass es in seinen früheren Zustand wieder versetzt werden kann. Das Spielwerk muss ganz erneuert werden. Wir werden diese Gelegenheit wahrnehmen, um die Orgel, was die Zahl der Register angeht, zu vergrößern und durch eine bessere Zusammenstellung der Orgelpfeifen für eine schönere Klangfülle zu sorgen."

 

Diese Sätze finden sich in der alten Chronik der Pfarrei St. Gereon und beziehen sich auf den Fliegerangriff vom 7. Juli 1941. Als der damalige Pfarrer, Carl August Bremer, im Gottesdienst von der geplanten Renovierung berichtete, konnte er nicht ahnen, dass noch größere Zerstörungen die Basilika heimsuchen würden. In der Nacht zum 31. Mai 1942, nach dem sog. Tausend-Bomber-Angriff, verbrannten unersetzliche Kunstwerke, und natürlich wurde auch die alte Orgel total vernichtet.

Es vergingen 50 Jahre bis nach allen Aufbau- und Restaurierungsarbeiten am 18. Februar 1992 im Kirchenvorstand die ersten Vorüberlegungen zur Planung einer neuen Orgel im Dekagon angestellt wurden. Hauptargument für eine neue Orgel im zehneckigen Zentralbau war der ungünstige Standort der 1954 installierten Chororgel. Er macht einen Kontakt des Organisten zur Gottesdienst feiernden Gemeinde in der Liturgie unmöglich und verhindert eine klangliche Einheit von Instrument und singender Gemeinde. Zudem muss diese Orgel in ihrer Größe und Disposition als unzulänglich für den gesamten Kirchenraum angesehen werden. Schon der oben zitierte Chronikbericht zeigt, welche Bedeutung die Orgel und ihre Klangfülle in der damaligen Pfarrei hatten.
Als dann nach den ersten Überlegungen im Kirchenvorstand alle Gemeindemitglieder und Gottesdienstbesucher im Weihnachtspfarrbrief 1992 gebeten wurden, ihre Meinung zur Neuanschaffung einer neuen Orgel für das Dekagon zu äußern, zeigte sich erneut, welchen hohen Rang das Orgelspiel für die Kirchenbesucher bei uns hat. Viele sprachen sich in z.T. langen Stellungnahmen für einen Orgelneubau aus. Nur eine negative Zuschrift kritisierte die hohen und im Blick auf die Armut in der Welt nicht zu verantwortenden Kosten. Natürlich war die Notwendigkeit des Orgelbaus auch durch einen offiziellen Sachverständigen des Erzbistums, Herrn Prof. Möller, geprüft und festgestellt worden.

 

Bestärkt durch diese Reaktionen wurden die Planungen vorangetrieben und ein langwieriger Prozess in Gang gesetzt. Es fanden zunächst Ortstermine statt mit Vertretern der dafür zuständigen kirchlichen und staatlichen Stellen.  
Für das Erzbistum nahmen an den Vorgesprächen teil: der Leiter der Hauptabteilung Bauwesen-Denkmalpflege, Herr Erzdiözesankonservator und -baumeister Rüenauver  und der zuständige Referent Albert Kratzheller, der schon genannte Orgelsachverständige,  der zuständige Vertreter des Landeskonservators Herr Dr. Goege sowie der Stadtkonservator Herr Dr. Krings und als Vertreter der Kirchengemeinde der Pfarrer und die stellvertretende Vorsitzende des Kirchenvorstandes Frau Annelie Ewald-Bouillon.

 

Diese Gespräche vor Ort dienten dem Kirchenvorstand zur weiteren Beratung und Beschlussfassung. Am 14. September 1993 beschloss der Kirchenvorstand aufgrund der bisherigen Feststellungen die Beantragung der offiziellen Vorplanungsgenehmigung für die Anschaffung einer neuen Orgel beim Erzbistum Köln. Für diese detaillierte Vorplanung wurde der auch für die sonstigen Arbeiten an der Basilika tätige Architekt Herbert Queck beauftragt. In vielen kleinen Schritten ging es dann weiter auf dem Weg zur neuen Orgel. Als nächstes sollte die Prüfung der Statik für die geplante Orgelaufhängung über dem Eingangsportal durch das Ingenieurbüro Schwab vorgenommen werden. Denn allen Beteiligten war klar, dass keine große Orgelempore in den staufischen Zentralbau eingefügt werden dürfe.

Statische Berechnungen sind aber nur möglich, wenn vorher Gewichtsangaben vorliegen. Also war es unumgänglich, schon jetzt durch eine Orgelbaufirma konkrete Vorschläge für eine Orgel ausarbeiten zu lassen. Der KV bat die Fa. Weimbs aus Hellenthal/Eifel entsprechende Ideen zu entwickeln. Planungsvorgabe für die Größe war eine Zahl von 30 Registern. Die äußere Gestalt des Orgelgehäuses und der Prospekt entstand in Zusammenarbeit mit dem Architekten. In der letzten Phase wurden im Rahmen einer künstlerisch schmückenden Ergänzung Herr Prof. Hillebrand und seine Tochter Frau Hillebrand-Leo tätig. Disposition und Orgelbautechnik wurden vom Orgelbauer, dem Orgelsachverständigen und dem Kantor der Basilika Herrn Jürgen von Moog beraten und geplant. Die schwierige Frage, wie sich die Orgel am besten in die Architektur der Basilika einfügt, konnte an einem Modell abgeklärt werden.

Auf dieser Grundlage wurde am 15. September 1997 die Erlaubnis der Denkmalbehörde zum Einbau einer neuen Orgel erteilt. Die schwierigste Hürde war genommen. In Erwartung dieser Genehmigung hat der KV bereits am 26. Mai 1997 die notwendige Vollplanungsgenehmigung beim Erzbistum beantragt, nachdem Herr Architekt Queck am Modell das Ergebnis der Vorplanung erläutert hatte. Bei dieser Gelegenheit teilte Herr Queck mit, dass das von ihm geführte Architekturbüro von einem seiner früheren Mitarbeiter, Herrn Mennicken, übernommen werde.

 

tl_files/stgereon/bilder/kirchen/stgereon/docu0325kl.jpegIn seiner Sitzung am 8. September 1998 erteilte der KV den Auftrag zum Bau einer neuen Orgel an die Orgelbaufirma Weimbs auf der Grundlage des Kostenvoranschlags vom  5. September 1998. Der Wechsel im Architekturbüro (es firmiert jetzt als Hofarchitekten Mennicken + Loseck) sowie immer neue Probleme in der konstruktiven Verwirklichung der Orgelaufhängung führten zu einer Verzögerung im Projekt. Wie immer steckt der Teufel im Detail...

Anfang des Jahres 2001 konnte das Gerüst für den Aufbau der Arbeitsbühne aufgestellt werden, und die Arbeiten für die Tragekonstruktion begannen. Ende März war es dann soweit: die Orgelbauer hatten freie Bahn, ihr Werk aufzubauen. 
Für die Intonation der Orgel standen die letzten Monate und Wochen vor der Einweihung zur Verfügung.  
Bis jetzt konnte der Leser meinen, das Geld spiele bei diesem Orgel-Abenteuer keine Rolle. Weit gefehlt! 

 

Auch hier gilt: Ohne Moos nix los.  

Die Zahlen finden Sie an anderer Stelle. Erwähnen möchte ich hier die Arbeit des Orgelbauvereins, der sich bereits 1994 formierte. Ziel seiner Arbeit war es, die notwendigen Eigenmittel zur Finanzierung des Projektes aufzubringen. Die Hauptarbeit leistete in unermüdlichem Einsatz der stellvertretende  Vorsitzende Eugen Bester. Ihm gilt ein besonderer Dank, aber auch all den vielen, die durch ihre einmaligen oder regelmäßigen Spenden den Bau der Orgel ermöglicht haben. Dieser Dank gebührt auch dem Förderverein Romanischer Kirchen für seine großzügige Unterstützung. Die Namen aller Spenderinnen und Spender wurden ins Goldene Buch der Stifter für den Wiederaufbau von St. Gereon eingetragen.

Karl-Josef Daverkausen