(c) Elisabeth Bachem

Oscar Romero: Ein Kämpfer für die Armen und Entrechteten

  • 09.10.18 12:01
  • Elisabeth Bachem
  •   Im Auftrag des Herrn

Für viele Menschen in der Hauptstadt San Salvador ist Oscar Romero bis heute, 38 Jahre nach seiner Ermordung, „unser Bischof“. Für die Salvadorianer ist er schon lange ein Heiliger. Dabei begann alles anders. Der 59-jährige Óscar Arnulfo Romero y Galdámez, Günstling der Militärregierung, wurde 1977 von Papst Paul IV. zum Erzbischof von San Salvador ernannt. Wie in vielen Ländern Lateinamerikas herrschte auch in El Salvador ein großes soziales Ungleichgewicht. Der gesamte Reichtum des Landes war auf wenige Familien verteilt. Große Teile der Bevölkerung lebten in bitterer Armut. Eine solche Situation konnte nur mit grausamer Gewalt aufrechterhalten werden. Sogenannte Todesschwadronen beseitigten alle, die der Kritik verdächtigt wurden. Menschen wurden ermordet und gefoltert, Menschen verschwanden und tauchten nie wieder auf.

Schlüsselerlebnis ändert alles

1975 wurden bei einer friedlichen Demonstration in der Zentralen Universität San Salvadors 30 Studenten erschossen, zahlreiche weitere wurden inhaftiert und sind seitdem verschwunden. In dieser Situation atmete die Militärregierung nach der Ernennung des Erzbischofs am 3. Februar 1977 auf. Der konservative, vergeistigte und hochintellektuelle Oscar Romero verkehrte in Regierungskreisen und liebte es vor allem, schwierige theologische Fragen zu diskutieren. Die Sorgen seiner existenzbedrohten Bevölkerung hatte er bis dahin nur am Rande wahrgenommen. Dann überschlugen sich die Ereignisse. Drei Wochen nach seiner Ernennung wurde in einer manipulierten Wahl ein neuer Präsident El Salvadors gewählt. Bei einer friedlichen Demonstration gegen den Wahlbetrug kam es im Zentrum der Hauptstadt zu einem Massaker mit unzähligen Toten. Nach weiteren zwei Wochen, am 12. März, wurde Romeros Freund, der Priester Rutilio Grande ermordet. Romero reagierte zunächst mit einem ungewöhnlichen Mittel, er rief einen „Kirchenstreik“ aus: Wenn ihr uns Priester umbringt, lesen wir für euch keine Heiligen Messen. Am darauffolgenden Sonntag wurden alle Heiligen Messen im Bistum abgesetzt. Die einzige Messe „Misa única“, war die Totenmesse für Rutilio Grande vor der Kathedrale von San Salvador. Viele Angehörige der Militärdiktatur und katholische Kaffeebarone mussten an diesem Sonntag auf die Heilige Kommunion verzichten.

Mutig und kämpferisch

 (c) Elisabeth Bachem

Zunehmend wandte sich der Erzbischof den Not leidenden Menschen seines Landes zu und machte sich zur „Stimme derjenigen, die keine Stimme hatten“. Jeden Sonntag las er am Ende seiner Predigt die Namen der ihm bekannten Ermordeten und der „Desaparecidos“, der Verschwundenen vor. Er forderte den damaligen Präsidenten der USA, Jimmy Carter, auf, die Militärhilfe für El Salvador einzustellen. Seine Sonntagspredigten wurden über das Radio übertragen und entwickelten sich zur meist gehörten Sendung des Landes. Ein Bombenanschlag am 18. Februar 1980 auf den Kirchensender konnte die Stimme des Erzbischofs nur vorübergehend zum Schweigen bringen.

Du sollst nicht töten

Bis in den Vatikan gingen Morddrohungen gegen ihn ein. In San Salvador erschienen Flugblätter mit der Aufschrift „Sei ein Patriot und töte einen Priester“. Da er wusste, dass er ermordet werden würde, steuerte der Erzbischof sein Auto selber. Er verzichtete auf einen Chauffeur, um niemanden mit in den Tod zu nehmen. Mit unvorstellbarem Mut hielt er an seiner christlichen Sendung fest, betete im Angesicht von geladenen Maschinengewehren weiter öffentlich für die Opfer der Militärjunta, besuchte Gefängnisse und die Ärmsten der Armen. Statt Regierungsmitgliedern empfing er verfolgte Studenten, Eltern, deren Kinder verschwunden waren, Mütter und Väter, die ihre Familien nicht ernähren und erst recht keine medizinischen Behandlungen bezahlen konnten. In seiner berühmten Rede am 23. März 1980 forderte Erzbischof Romero die überwiegend katholischen Soldaten in Gottes Namen auf, das Töten einzustellen. „Wenn ein Mensch euch befiehlt, zu töten, dann muss das Gesetz Gottes mehr gelten, das da lautet: Du sollst nicht töten! Kein Soldat ist verpflichtet, einem Gesetz zu gehorchen, das gegen das Gesetz Gottes ist.“

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