Verabschiedung von Herrn Stefan Koch

Verabschiedung mit Pultstatus für einen Menschen mit Klasse

Verdacht des Unzeitgemäßen

„Es träumt sich nicht mehr recht von der blauen Blume. Wer als Heinrich von Ofterdingen erwacht, muss verschlafen haben“, heißt es in Walter Benjamins 1927 publizierter Glosse zum Surrealismus, die unter der Überschrift Traumkitsch stand. Der Verdacht des Unzeitgemäßen ist immer schnell zur Hand, wenn es gilt, den Widerstreit idealischer Gebilde versus irdischer Realität verstehen zu wollen.
„Romantisch“ ist dann ein Begriff herablassender Diffamierung, um avantgardistische Positionen zu verunglimpfen. 

Suche nach der blauen Blume

Dass die Suche nach der blauen Blume mehr ist als ein Inbegriff der Sehnsucht nach gemütvoller Innerlichkeit, wird mit den Worten des verabschiedeten Abteilungsleiters, Herrn Stefan Koch deutlich, formuliert er doch Modelle der Deutung von Subjektivität und Intersubjektivität, die der Mär von der Selbstherrlichkeit des bestimmenden Ichs eine Abfuhr erteilt und hierbei dennoch die Möglichkeit einer durchgängigen Identität annonciert. 

Kein mutiger Mensch

Er sei, so begann Koch seine Rede, kein mutiger Mensch. Eigentlich nicht und auch uneigentlich nicht.
Wieder als Lehrer zu arbeiten, erfordere nicht sehr viel Mut und sei auch alles andere als in seinem Leben vorgezeichnet gewesen. Das einzige, was er als Schüler an einer schlechten Schule sicher wusste, war, nicht Lehrer werden zu wollen. Dies, so Koch weiter, habe auch für das Studium gegolten. Das Referendariat, aus finanziellen Gründen begonnen, habe ihn darin bestärkt.
Es sei eher ein Zufall gewesen, dass zu diesem Zeitpunkt die Mauer fiel und ein wirklich mutiger Mensch, Bischof Leopold Nowak aus Magdeburg, drei Gymnasien gründen ließ, obwohl jenseits der damals kaum abgerissenen Mauer niemand wusste, was ein Gymnasium ist.

Stefan Koch fand das spannend und seine damaligen Kollegen fanden das mutig, in Halle an der Saale zu arbeiten.
Koch weiter: „Dann konnte ich die Früchte eines anderen mutigen Mannes genießen, des Trierer Bischofs Bernhard Stein, der mit einer kooperativen Gesamtschule in seiner Trägerschaft bereits Anfang der Siebzigerjahre etwas völlig Neues gewagt hatte.“
Schulleiter dieser Schule zu sein, bei einer Quote von einem Drittel evangelischer Schüler, sei ebenfalls spannend gewesen.
Auch hier sei er für seinen Mut bewundert worden, dessen Vorhandensein er in seiner Rede nicht gelten lassen wollte. Koch: „Dies gilt auch für meinen Wechsel in die Schulabteilung des Erzbistums Köln.“

Die Verwaltung von Erziehung ist, wenn sie gelingen soll, Vertrauenssache

Die Erfahrungen hier seien selbstredend ebenfalls spannend und mannigfaltig gewesen. 
Koch: „Meine Aufgaben konnte ich nur in Kooperation mit den Schulen und den Schulleitungen leisten. Angesichts des Anspruchs dieser Aufgaben bin ich sehr froh, nicht nur in den Schulen, sondern auch in unserer Abteilung ein sehr kooperatives Verhältnis wahrgenommen zu haben. Erziehung ist Vertrauenssache und auch die Verwaltung von Erziehung ist, wenn sie gelingen soll, Vertrauenssache.“

Verweis auf Anselm von Canterbury

Mit Verweis auf Anselm von Canterbury, der  im 11. Jahrhundert mit dem „Glauben, der nach Einsicht sucht“ (Fides quarens intellectum) ein Programm vorgelegt habe, so Koch , skizzierte  er seinen Standpunkt  mit der Interpretation weniger Sätze des KIrchenlehrers

Ich suche ja auch nicht einzusehen, um zu glauben, sondern ich glaube, um einzusehen.

Denn auch das glaube ich: wenn ich nicht glaube, werde ich nicht einsehen.

Die logische Analyse dieser wenigen Sätze, so Koch, sei  eine äußerst spannende Angelegenheit.

Seine kurze Interpretation:

„Glaube und Erkenntnis stehen in einem fast dialektischen Verhältnis zueinander. Glaube muss zur Erkenntnis führen oder sogar Erkenntnis werden. Mit dem Glauben kann ich aufwachsen, ich kann sogar im Glauben aufwachsen, aber - und jetzt kommt das Spannende: mit der Erkenntnis kann ich nicht aufwachsen. Erkenntnis fällt nicht vom Himmel, um Erkenntnis muss ich mich immer bemühen. Und an dieser Stelle kommen - Sie werden es längst erkannt haben - die katholischen Schulen ins Spiel. Sie sorgen dafür, dass wir nicht nur im Glauben aufwachsen (mittlerweile geschieht das ja fast nur noch in katholischen Schulen), sondern auch zu Erkenntnissen befähigt werden,“

Frau Dr. Schwarz-Boenneke dankt

Frau Dr. Schwarz-Boenneke begann ihre Verabschiedungsrede mit einem großen, an Herrn Koch adressierten „Danke“.

Im Verweis auf die Schule von Athen lobte Hauptabteilungsleiterin Dr. Schwarz-Boenneke die von Koch favorisierte Gesprächskultur dialogischen Miteinanders. Der immer praktizierte Diskurs, den sie vorfand, betrat sie das Büro von Stefan Koch, sei durch eine augenscheinliche Lust an der Mobilität in der Form von Fahr- und Motorrädern ergänzt worden. Beides zeichne Herrn Stefan Koch aus.

Platon stelle in seinen sokratischen Dialogen, so Schwarz-Boenneke, die Frage nach dem Wesentlichen und sei dabei immer um begriffliche Präzision bemüht gewesen. Dies gelte uneingeschränkt auch für Herrn Koch.

Nicht nur als Philosophielehrer sei er, auch in Analogie zu Sokrates, ein guter Zuhörer, der im aufmerksamen Gespräch anderen zur Erkenntnis verhelfe, indem er durch geeignete Fragen dazu veranlasse, den betreffenden Sachverhalt selbst herausfinden zu lassen. 
Es sei ihm immer ein dringendes Anliegen gewesen, alle Mitarbeiter am gemeinsamen Findungsprozess zu beteiligen, wertzuschätzen und in den Lösungsprozess involviert zu haben.

Würde des Handelns

Stefan Braun (Leiter der Schulverwaltung) dankte persönlich und stellvertretend für die Schulabteilung für die fast sechsjährige, prägende Zusammenarbeit.

In seiner Amtszeit sei Herr Koch bereits der vierte Abteilungsleiter mit der längsten Amtszeit, der nun abspringe und zur rational kontrollierten Landung auf dem Boden ansetze, um bodenständig mit sicherem Stand dort zu verweilen, wo die Essenz der einstigen Berufswahl gründe.

Konzepte erstellen, effizienter werden, Synergien nutzen sei nur die halbe Wahrheit der Leistung, die Herr Koch erbracht habe. Der Umgang des Abteilungsleiters Stefan Koch mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, so Braun, erinnere daran, dass die Art und Weise, in der wir unsere Arbeit verrichten und miteinander umgehen, nicht nur ein Sahnehäubchen sei, sondern die erkennbare Basis darstelle, wenn wir trotz aller Zwänge als Kirche erkennbar bleiben wollten. Hier müssten wir uns, so Braun, beim „WIE“ von anderen Konzernen unterscheiden.

In diesem Sinne konnte man Herrn Koch, so Stefan Braun, jederzeit in seinem Auftreten, seiner Würde, seinem Handeln als jemanden erfahren, der Zeugnis ablegte und authentisch war.

„Der Abteilungsleiter Stefan Koch war in unserer Wahrnehmung kein anderer als der Mensch Stefan Koch. Sein Leitungsverständnis sei nicht primär direktiv gewesen, sondern auf der Basis gegenseitiger Achtung dialogisch.“
Dies bekräftigte auch Schulleiterin Birgit Heinen, die für alle Schulleiter/-innen sprach, wenn sie in deren Namen Herrn Koch für seine aufrichtige, wertschätzende Freundlichkeit dankte.

Olaf Gruschka