Interview mit Stefan Koch

Interview mit Abteilungsleiter Stefan Koch

Wie viel pädagogischer Eros ist noch erlaubt?

Gruschka : Herr Koch, wie viel pädagogischer Eros ist mit dem  in Kürze erscheinenden Schutzkonzept noch kompatibel.

 

Koch: Die Frage möchte ich so nicht beantworten, weil sie die Problematik des Eros bei Platon eng führt. Für uns entscheidend ist hier, dass der Eros mit dem Streben nach Erkenntnis identifiziert wird. Hier sind also Pädagogik und Philosophie im Wesentlichen grundgelegt. Bei Platon ist dann ja die höchste Stufe der Erkenntnis die Schau der Ideen; heute würden wir vermutlich andere Antworten darauf geben. Von daher stellt sich Ihre Frage nach der Kompatibilität für mich daher so nicht.

 

Gruschka: Ich will die Frage anders formulieren. Begünstigt eine stark am Individuum orientierte Pädagogik die mögliche Verletzung des neu herausgegebenen Schutzkonzepts. Ich verstehe jedenfalls das Ziel Katholisch Freier Schulen in der Orientierung am einzelnen Individuum.

 

Koch: Das Ziel Katholischer Freier Schulen ist sicherlich die Orientierung am einzelnen Individuum, aber natürlich nicht ausschließlich. Wir verstehen uns als Individuen als von Gott geschaffen, und damit in einer Beziehung zu Gott, natürlich auch zur Welt und insbesondere den Mitgeschöpfen. Insofern „schwingt“ das alles bei der Beschreibung pädagogischer Ziele „mit“. – Sofern Sie das Nähe-Distanz-Verhältnis ansprechen, müsste man für den Zusammenhang Ihrer Frage die Differenzierung der Begriffe Eros und Agape – oder lateinisch Amor und Caritas genauer in den Blick nehmen.

 

 

Lesbare Präferenz für die Reformpädagogik ?

Gruschka:  Historisch betrachtet wurden benachteiligte Kinder und Jugendliche, die das epochal vorherrschende gesellschaftliche Bild eines Idealmenschen nicht in ausreichendem Maße erfüllen konnten, über lange Zeit grundsätzlich vom Bildungswesen exkludiert und als bildungsunfähig stereotypisiert. Im Laufe des 19. Jahrhunderts entwickelten sich dann erste sogenannte Hilfsschulen als institutioneller Bildungszugang für benachteiligte Individuen, in welchen diese separat zur Volksschule homogen unterrichtet wurden. Diese Art der Selektion erntete allerdings von einer Vielzahl reformpädagogischer Bewegungen, zu deren Vertretern unter anderem Maria Montessori zählte, immer wieder harsche Kritik. Bedingt durch den Zweiten Weltkrieg und die Gesetzgebungen im Nationalsozialismus, blieben diese Reklamationen  erfolglos. Stattdessen wurde im Reichspflichtschulgesetz der Zwang zur Sonderbeschulung gar fest verankert:

 

„Für Kinder, die wegen geistiger Schwäche oder wegen körperlicher Mängel dem allgemeinen Bildungsweg der Volksschule nicht oder nicht mit genügendem Erfolge zu folgen vermögen, besteht die Pflicht zum Besuch der für sie geeigneten Sonderschule oder des für sie geeigneten Sonderunterrichts (Hilfsschulen, Schulen für Krüppel, Blinde, Taubstumme u. Ä.).“ (Reichsgesetzblatt 1938, S.102, zitiert aus Schöler 2009, S.168)

Schwere Zeiten für die Reformpädagogen, die sich damit nicht zufriedengeben, sondern individuell von Kinde her denken wollen  und  den pädagogischen Eros konstitutiv einsetzen.

 

Gibt es mit den Vorträgen zur PÄWO 2017 und intentional in der Schulabteilung  eine lesbare Präferenz für die Reformpädagogik, die über die Inklusion und Integration hinaus angestrebt wird?

 

 

Koch: Bildungsunfähige, Hilfsschulen, Reformpädagogik, Inklusion – das sind alles Begriffe, die in der Zeit ihrer Entstehung oft eine ganz andere Bedeutung hatten als in späteren Interpretationen. Sicher wird man – um einen der Begriffe aufzugreifen - die Reformpädagogik nicht epochal wiederbeleben können und auch nicht wollen. Die Reformpädagogik richtete sich Ende des 19. Jahrhunderts allgemein gegen die bestehende Unterrichtsschule, die eine rein kognitive Förderung der Schüler betrieb und die von einem strengen Formalismus geprägt war. Schule sollte deshalb über die Unterrichtsarbeit hinausreichende, erzieherische und sozialpädagogische Aufgaben erhalten und mit neuen pädagogisch-didaktischen Methoden arbeiten, wie es in internationalen Reformbestrebungen bereits umgesetzt werden konnte. In diesem Sinne wurden reformpädagogische Schulen als deutlicher Gegenentwurf zu der damals verbreiteten „Paukschule“ entworfen und gegründet. Dabei folgten die dahinterstehenden Pädagogen und Gründer einem humanistischen Menschenbild und entwickelten ihre Praxis dementsprechend im Einklang mit ihrer Philosophie.

Reformpädagogische Ideen & Konzeption der heutigen Ganztagsschule

Gruschka: Sehen Sie einen Einfluss der reformpädagogischen Ideen auf die Konzeption der heutigen Ganztagsschule oder Schule mit Langtagen.

 

Koch: Auch im Schulalltag der öffentlichen Schulen und vor allem in den aktuell angestrebten Konzepten der Ganztagsschule oder Schule mit Langtagen werden sicher viele Elemente der damaligen reformpädagogischen   Bewegung aufgegriffen und in der Praxis umgesetzt.  Es ist beispielsweise die Orientierung am Kind, die die Bedürfnisse und Interessen der Heranwachsenden erstmals in den Mittelpunkt jeder schulischen Aktivität rückten. Darüber hinaus stand und steht auch heute noch die Persönlichkeitsentwicklung der Kinder und Jugendlichen im Vordergrund der pädagogischen Bemühungen. Auch sind die  Reformpädagogen um die Jahrhundertwende zu benennen, die die Rolle der Gemeinschaft für die Persönlichkeitsentwicklung der Heranwachsenden erkannten und diese Erkenntnisse bei der pädagogischen Gestaltung der Schulen zu nutzen wussten.

 

In Konzepten der modernen Ganztagsschule wird auch immer wieder betont, dass die Schüler nicht nur geistig unterrichtet werden sollen, sondern sich darüber hinaus auch emotionale, soziale und zwischenmenschliche Eigenschaften aneignen sollen. Dieser Gedanke wird vor allem auch hinsichtlich der Bedingungen unserer Gesellschaft immer wichtiger. Die Konzeption  wurde jedoch schon vor mehr als hundert Jahren entwickelt.

Bietet der Marchtaler Plan Antworten ?

Gruschka: Wir müssen aus der Geschichte für die Gegenwart, hinsichtlich eines Zukunftsweges lernen. Bietet der Marchtaler Plan Antworten auf die  Fragen:

 

  • Wodurch unterscheiden sich katholische Schulen von Schulen in staatlicher Trägerschaft?
  • Was macht das Qualitäts-Plus katholischer Schulen aus?
  • Ist ein achtsameres Miteinander, ein freieres Lehren und Lernen als an anderen Schulen möglich?
  • Gibt es Räume für eine vertiefte Auseinandersetzung, für eine ethische Reflexion dessen, was gelehrt und gelernt wird?

 

 

 

Koch: Solche und ähnliche Fragen haben seit den 80er-Jahren des 20. Jahrhunderts in der Diözese Rottenburg-Stuttgart zur Entwicklung des »Marchtaler Plans« geführt. Hinter diesem Namen steht das Bemühen, reformpädagogische Konzepte mit einem christlichen Menschenbild so zu verknüpfen, dass der Schulalltag und das Unterrichtsgeschehen davon durchformt werden. Etliche Elemente des Marchtaler Plans sind seit Langem in den Unterrichtsalltag eingeflossen und bestimmen die Unterrichtswirklichkeit, ich erinnere an das vernetzte Lernen und den eigenverantwortlichen Unterricht (EVA).
 

Es ist eine spannende Frage, ob es überhaupt sinnvoll möglich ist, nur einzelne Teile des Marchtaler Plans herauszugreifen und umzusetzen, oder ob es nur sinnvoll ist, den Marchtaler Plan als ganzen zu „übernehmen“. Hier kenne ich viele Diskussionen und Meinungen; festhalten lässt sich aber, dass es wenigstens einzelne Bausteine gibt, die uns in unserem pädagogischen Bemühen auch für unsere Zielsetzungen hilfreich sind.

Kultur der Achtsamkeit

Gruschka: Meine eingangs gestellte Frage zum Professionsproblem des  Nähe-Distanz-Dilemma innerhalb einer am Individuum orientierten Pädagogik scheint  mir noch nicht beantwortet zu sein. Sehen Sie hier konfligierendes Potenzial mit dem erscheinenden Schutzkonzept?

 

Koch: Ein jedes Verhältnis zwischen Pädagogen und zu Erziehenden ist von Nähe und Distanz geprägt. Es ist aber nicht unbedingt ein Dilemma, was wir da in den Blick nehmen. Jedenfalls, wenn es eins wäre, wäre es ja kein unauflösliches Dilemma. Bindungen und eine gewisse Nähe sind für Heranwachsende eine notwendige Voraussetzung, um Lernprozesse erfolgreich zu durchlaufen. So benötigen schon Säuglinge für eine gesunde Entwicklung ein gewisses Maß an Urvertrauen und Grundschüler eine Reihe sicherer Bindungen, um sich positiv mit Lernaufgaben befassen zu können, da diese stets eine affektive Komponente beinhalten und mit Emotionen verbunden sind. Was für Säuglinge und Grundschüler gilt, gilt in Abstufungen für alle Jahrgänge. Im Bezug auf Nähe und Distanz müssen Lehrkräfte je nach Einzelfall eine Balance zwischen beiden Polen finden. Wenn ich es also richtig sehe, ist es eine der zentralen und primären Aufgaben eines jeden pädagogisch Tätigen, in diesem Spannungsverhältnis genau den Standort zu finden, der die Spannung beherrscht und Stabilität hervorbringt. Manche sprechen in diesem Zusammenhang von einer „Halbdistanz“, die jedoch nicht direkt in der Mitte zwischen Nähe und Distanz liegen muss, sondern individuell variiert. Im Rahmen der Präventionskonzepte für katholische Schulen wird hier auch von einer „Kultur der Achtsamkeit“ gesprochen. - Ohne das Schutzkonzept an dieser Stelle erschöpfend behandeln zu können: Wir fördern jede Form von Öffentlichkeit an unseren Schulen. Hier sind Eltern- und Schülervertretungen zu nennen, offene Türen, Hospitationen, Visitationen und Qualitätskontrollen. Wir fördern, aufeinander zu achten und achten uns auf der Basis gegenseitigen Respekts.

 

Ich und Du & Martin Buber

Gruschka: Ich möchte den Religionsphilosophen Martin Buber anführen. Martin Buber war als Religionsphilosoph vor allem wegen seines Hauptwerkes „Ich und Du“ von 1923 bekannt. Er stellt in seinem Vortrag „Über das Erzieherische“, aus der Sammlung „Reden über Erziehung“, ein Konzept vor, welches die gelingende Beziehung zwischen Zögling und Lehrperson beschreibt und auf den Ideen aus „Ich und Du“ aufbaut. Er beginnt seine Abhandlung „Über das Erzieherische“ mit der These, dass der soziale Hintergrund jedes Einzelnen keine entscheidende Rolle spiele, da man in jeder Sekunde neu anfangen könne und betont  in diesem Zusammenhang, dass das „Ungewesene“ in das „Vorhandene“ einbricht und somit eine gänzlich neue Situation erschafft. Buber bezeichnet diese Situation als große Möglichkeit und als „Gnade des Immer-wieder-anfangen-Dürfens“

 

Er fährt mit der Grundannahme fort, dass jedes Kind fundamental begabt ist. Jedes besitzt den sogenannten „Urhebertrieb“, der dafür sorgt, dass es Interesse daran hat, nicht nur Dinge zu erschaffen, sondern auch an der Gestaltung seines eigenen Charakters teilzuhaben. Neben diesem Urhebertrieb gibt es in Bubers Theorie den „Trieb nach Verbundenheit“, welcher unerlässlich für das Ausbilden eines gesunden Charakters ist. Ohne den Trieb nach Verbundenheit besteht die Gefahr der Vereinsamung und es bedarf eines Austausches mit anderen Menschen. Der „Trieb nach Verbundenheit“ ist also der Kern aller zwischenmenschlichen Begegnung. Wie kann diese Begegnung gelingen?

 

 

Koch: Da stellen Sie aber eine schwere Frage zu Buber, die er selbst natürlich auch nicht so einfach beantworten konnte. Wozu aber können uns seine Ideen dienen und helfen?

 

Es ist zunächst wichtig, die „Kräfte“ jedes Kindes „freizumachen“. Allerdings ist dies eher als Voraussetzung der Erziehung zu verstehen, nicht als deren Begründung. Ein weiterer Punkt kommt hinzu, den Buber „Kritik und Anleitung“ nennt. Er meint hiermit eine innere Einstellung der Lehrperson, die an der richtigen Stelle Kritik übt und Anleitung gibt, wo sie nötig wird. Er erläutert dazu, dass diese individuelle moralische Haltung umso größeren Einfluss habe, je mehr sie „unakademisch“ und „individualisierend“ sei. Die gegenseitige Achtung beider Parteien ist für Buber unumgänglich.  Bubers Pädagogik versteht den Menschen als Individuum, welches von der Umwelt geformt wird. Der treffende Satz „Die Welt zeugt im Individuum die Person“ bringt dies gut auf den Punkt. Es kommt folglich darauf an, die in der Welt formenden Kräfte so auszuwählen, dass sie förderlich für die Entwicklung dieses Menschen sind. Wie „geheim“ dieser Prozess nun sein soll – wenn wir Buber hier richtig verstehen – ist eine für mich offene Frage. Das wichtige Prinzip der Authentizität müsste meines Erachtens damit erst noch in Einklang gebracht werden.

 

Wenn ich Bubers Theorie richtig verstehe, ging es ihm im Kern um eine Begründung für die Entstehung von Selbstbewusstsein und Welt. Dabei kam er zu einer Reihe von Erkenntnissen, die für uns in der Frage von Bindung und Selbstständigkeit wichtig sind. Und hier setzt auch unser Schutzkonzept an, möglichst konkrete Hilfestellungen zu geben.

 

 

 

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