Kardinal Frings segnet die Pamir

Untergang trotz Segnung

Am 10. Januar 1952 segnete Kardinal Joseph Frings die PAMIR

 

Es war die größte Schifffahrtskatastrophe der jungen Bundesrepublik: Der Untergang der „PAMIR“ am 21. September 1957. Das tragische Ende des Großseglers war aber mehr als eine reine Seefahrtstragödie. Ebenso wie die Sturmflut in Hamburg 1962 und der Grubeneinsturz von Lengede 1963 erschütterte der Untergang der PAMIR die junge, in der Wirtschaftswunderzeit der 1950er Jahre zunehmend an Erfolgsmeldung gewöhnte Bundesrepublik in einem bisher nicht gekannten Maße. Die PAMIR, schon damals als „der Stolz der deutschen Seeschifffahrt“ bekannt, erlangte durch diese Tragödie traurige Berühmtheit. Ihre Geschichte fasziniert die Menschen bis heute – erst kürzlich zog der gleichnamige Fernseh-Zweiteiler über fünf Millionen Zuschauer vor die Bildschirme.


Dokumente über die Viermastbark vermutet der Interessierte wohl eher in norddeutschen Archiven als im Historischen Archiv des Erzbistums Köln. Doch bergen die nun erweiterten Magazine dieses Hauses unvermutete Zeugnisse aus der Geschichte des Schiffes: 1951 kaufte der Lübecker Reeder Heinz Schliewen den in Deutschland gebauten Großsegler. Schliewen war beseelt von der Idee, die durch die beiden Weltkriege verloren gegangene Tradition der Segelschulschiffe für die Ausbildung von Schiffsoffizieren in Deutschland wieder aufleben zu lassen. Der Reeder wollte ganz sicher gehen: Nachdem das Schiff zunächst mit Hilfe von Bundesmitteln modernisiert worden war, musste es sich in einer ersten Probefahrt bewähren. An Bord: Bundespräsident Theodor Heuss. So gerüstet hätte das Schiff nach Auffassung vieler Seeleute in hohe See stechen können. Doch Schliewen wünschte sich außerdem eine Segnung des Schiffes und der Mannschaft. Erzbischof Berning von Osnabrück, als Präsident des „Apostolates des Meeres“ für die Seemannsseelsorge an der deutschen Küste zuständig, war hierzu bereit. Doch wegen der großen Bekanntheit der PAMIR war der Reeder mit seiner Bitte auch an „den höchsten Vertreter der katholischen Kirche in Deutschland“ herangetreten: an den Vorsitzenden der Fuldaer Bischofskonferenz Kardinal Joseph Frings. Als dieser auch prompt zusagte, sah es für kurze Zeit so aus, also ob zwei Erzbischöfe an der Einsegnung teilnehmen würden. Der Reeder frohlockte, doch Kardinal Frings war das zuviel des Guten: „Dass zwei Erzbischöfe … nach Hamburg kommen, scheint mir nicht tragbar.“ Um dieses Problem zu lösen, zog Erzbischof Berning seine Zusage zurück. Damit war der Weg für Frings frei: Der Kardinal reiste nach Hamburg und erteilte Schiff und Mannschaft am 10. Januar 1952 seinen Segen. Kaum hatte er das Schiff verlassen, startete der Großsegler zu seiner ersten Fahrt nach Südamerika. Heinz Schliewen und die Mannschaft der „PAMIR“ blieben während der gesamten Dauer der ersten Reise mit Kardinal Frings in Verbindung. Der Erzbischof erkundigte sich mehrfach nach ihrem Wohlbefinden.


In Erinnerung an diese Zeit schenkte der Reeder dem Kardinal eine sehr aufwendig gestaltete Dokumentation mit Fotos von der Einsegnung und Detailaufnahmen der PAMIR. Diese Erinnerungen lagern – ebenso wie der Schriftverkehr der beiden Persönlichkeiten – heute im Historischen Archiv des Erzbistums Köln. Sie verdeutlichen das große Ansehen, das Kardinal Frings weit über die Grenzen seines Erzbistums in Deutschland genoss.

 

Stefan Plettendorff